Rach anrufen

(Editorial 03/10) Die Resonanz auf unsere letzte IGM-Ausgabe war enorm. Nun ist Re­so­nanz bei IGM aber mitnichten immer mit Lob gleichzusetzen, vielmehr ging es um eine sehr kritische Auseinandersetzung mit einem Thema, das da „temporäre Benachteiligung des Groß- und Einzelhandels“ innerhalb der Ver­öffent­lichungspolitik einiger Publisher heißt. Zur Erinnerung: EA hatte u.a. Gamesload und Saturn die Möglichkeit gewährt, den Titel Mass Effect 2 am Releasetag bereits um 0:00 Uhr – und somit mehrere Stunden vor La­den­öffnung des stationären Handels – via Download anzubieten. Das sorgte für Unruhe und Aufruhr. Meiner Meinung nach zu Recht.

Für uns als Fachmagazin, das das Wörtchen „Fach“ auch ernst nimmt, ist es Aufgabe und Verpflichtung zugleich, uns „heikler“ Themen wie diesen anzunehmen und somit als Gesprächsplattform zu fungieren. Das fällt manchmal nicht ganz leicht, gerade wenn man seine Zielgruppe (in diesem Fall Saturn) ganz konkret und mit offenem Visier angeht.

Die Gespräche mit den Protagonisten aus Industrie und Handel haben uns indes wieder einmal bestätigt, dass es gerade die Themata sind, denen der eine oder andere so gerne ein Deckmäntelchen überwerfen würde, die uns alle weiterbringen, da sie nur dann diskutiert werden können, wenn sie journalistisch fundiert ans Tageslicht befördert wurden.

Es ist jedoch beileibe nicht so, dass wir den Download-Markt oder die nicht-physische Distribution generell verteufeln. Wir sind durchaus geistig in der Lage, diesen Vertriebsweg anzuerkennen und zu bewerten – obschon ich diese blödsinnige Heuchelei, die da „Koexistenz und Be­fruchtung von Download-Markt und stationärem Handel“ nicht mehr hören kann.

Gamesload und Co. bereiten weiten Teilen des Groß- und Einzel­handels arge Probleme. Punkt.

Jetzt aber ein Loblied auf den doch so arg geschundenen Händler um die Ecke, der sich abends frierend in den Schlaf weint, anzustimmen, wäre falsch.

Mögen die Gamesloader dieser Welt doch temporär bevorteilt werden und ein Mass Effect um ein paar Euro billiger anbieten: Einen POS haben sie nicht.

Den haben nur die Einzelhändler dieser Welt. Sogar Galeria Kauf­hof hat einen – für Menschen bis 17 Jahre.

Nun will ich nicht die Pluspunkte des stationären Handels, die da „beratungsintensives Einkaufserlebnis“ heißen (könnten), aufzählen. Es sei nur an die eigenen Vorteile und Stärken erinnert, die in der Realität mehr als brachliegen. Sicher: Ausnahmen bestätigen die Regel. Dennoch scheint der Handel nicht in der Lage zu sein, seine Verkaufsfläche derart zu gestalten, dass man sich freudig und erwartungsfroh in die Läden aufmacht, anstatt stumpfsinnig stundenlang den Installationsbalken auf dem heimischen PC anzustarren.

Anspielstationen bei deutschen Händlern? Fehlanzeige. Sitzlounges? Fehl­anzeige. Von der durchaus möglichen Darbietung von Gamestrailern in End­losschleife will ich erst gar nicht anfangen. Auf den Flatscreens im hiesigen Handel haben Bildschirmschoner mit Fischen in einem Aqua­rium zu laufen. Basta! Hierzulande muss man sich schon in ein Shop-in-Shop-System einkaufen und eigens engagierte Studenten in die Buden befehligen, um überhaupt auf sein Produkt aufmerksam zu machen.

Spielstationen wurden übrigens schon vor langer Zeit deswegen wieder abmontiert, weil sich die Zielgruppe Schlägereien um die streng limitiert vorhandenen Controller geliefert, und diese dann „kaputt gemacht“ hätte (s. hierzu auch S.26 ff.).

Also weg mit den Dingern und darauf hoffen, dass Microsoft einem einen lebensgroßen Masterchief als Pappkameraden liefert, den man dann in irgend­eine Ecke stellen kann.

Zu meckern, weil es Gamesload gibt, bringt genau so wenig, wie sich Raider zurück zu wünschen, weil man den Namen Twix nicht mag. Aber sich selbst mal ein Zugticket nach Frankreich oder Spanien zu spendieren, um im wahrsten Sinne des Wortes zu „erleben“, wie Kundenbindung via perfekter Waren­präsentation aussehen kann, das würde Sinn machen.

Oder alternativ den Rach anrufen.

Ihr

Marius Hopp